2015 stand ich das erste Mal auf einem Surfboard. Danach habe ich mir immer mal ein Softtop Board ausgeliehen, wenn wir irgendwohin gereist sind, wo man surfen konnte. Irgendwie hatte es mir der Sport angetan. In Deutschland lebend und nur 1-2x im Jahr in den Urlaub fliegen, bot allerdings nicht die Grundlage, um diesen Sport ernster zu nehmen.
Als wir dann in 2023 für eine längere Zeit auf Bali waren, habe ich endlich den Beschluss gefasst dem Surfen mehr Zeit und Energie zu widmen. Anfang 2024 habe ich dann mein erstes eigenes Longboard in Auftrag gegeben – das Ausleihen von Boards hat mich immer zurückgehalten, da ich Angst hatte ein fremdes Board kaputt zu machen – und Ende Februar startete schließlich meine Surf Journey.
Es gibt keinen Sport, der mich jemals so eingenommen hat wie das Surfen. Auch nach zwei Jahren Surfen lernen gibt es noch so einiges zu lernen und zu verbessern, ich bin weit weg vom Profi. Kein Sport ist so humbling und gibt gleichzeitig so viel, wie das Surfen. Es ist ein Sport, der viel mehr ist als nur ein Sport. Ich würde das Surfen eher als Lifestyle bezeichnen, ein stückweit sogar als Therapeut und Lebensratgeber. So kam ich auch zum Thema dieses Beitrags. Auch, wenn ich die nachfolgenden Dinge vor allem durch das Surfen gelernt habe, so sind es Dinge, die auf die verschiedensten Bereiche im Leben transportiert werden können und entsprechend auch dann für euch relevant sein können, wenn ihr nicht surft.


Warum Surfen mehr als nur ein Sport ist
Dass Surfen eher ein Lifestyle ist als ein Sport, haben viele von euch vermutlich schon einmal gehört oder in einem der vielen Surfer Orte weltweit selbst erlebt. Überall, wo viel gesurft wird, findet man einen gewissen Vibe und Lebensstil wieder. Dieses Gefühl kommt nicht von irgendwoher. Wenn man das als Nicht-Surfer bereits spürt, dann könnt ihr euch sicherlich auch vorstellen, wie es sich als Surfer anfühlt.
Das Surfen fordert physisch und mental. Es wird ein Bewusstsein für Natur und Umwelt geschaffen, da man dieser im Wasser unglaublich nah ist. Das Warten auf Wellen fordert Geduld und bietet gleichzeitig Ruhe und Frieden, den man in der heutigen Zeit kaum noch irgendwo findet. Man könnte sagen, dass es in gewisser Weise meditativ ist.
Darüberhinaus fordert das Surfen wirklich 100% Konzentration, es gibt so viele Dinge zu beachten, dass man gar keine Zeit hat an irgendetwas anderes zu denken. So vergisst man für den Moment im Wasser die To-Do Liste und eventuelle Probleme, kann Stress abbauen und einfach mal den Kopf abschalten – wo sonst ist das in dem Maße möglich? Mir würde nichts einfallen.
Es gibt noch viele weitere Gründe, die Surfen zu weitaus mehr machen als nur einem Sport, aber dies deckt meiner Meinung nach die Hauptgründe ab und bringt mich im Weiteren zu dem eigentlichen Thema: den Dingen, die mir das Surfen lernen in zwei Jahren gelehrt hat.
Was das Surfen einen lehrt
In den letzten zwei Jahren habe ich durch den Surfsport so einiges gelernt. Nicht nur im Bezug auf das Surfen selber, sondern auch über mich und über das Leben. Die Liste ist lang und ich könnte endlos darüber schreiben, werde mich aber auf eine kleine Auswahl beschränken.
Geduld
Ich bin eines ganz sicher nie gewesen: geduldig. Ich hasse es zu warten und fühle mich dabei immer, als würde ich Lebenszeit verschwenden. Beim Surfen musste ich aber ganz schnell lernen, dass ich damit nicht weit kommen werde. Denn die meiste Zeit einer Surf Session verbringt man tatsächlich genau damit: warten.
Tatsächlich ist es mir im Wasser von Anfang an recht leicht gefallen und so ist mir erst nach einer gewissen Zeit aufgefallen, dass ich auch bei längerer Wartezeit auf eine Welle entspannt geblieben bin. Im Wasser scheint die Zeit still zu stehen bzw. irgendwie anders zu laufen. Außerdem ist es auch einfach nur schön draußen auf dem Board im Wasser zu sitzen, inmitten der Weiten des Meeres.
Auf Bali tauchen ab und an sogar mal Schildkröten in unmittelbarer Nähe auf, in Portugal und Frankreich kamen Delfine super nah. Wenn man sowas erlebt, da stört ein wenig Warten ganz und gar nicht.
Es ist niemals zu spät etwas neues zu lernen/ starten
Hätte ich gerne früher mit dem Surfen gestartet? Auf jeden Fall. Denn sind wir mal ehrlich, ist es gar nicht so leicht später im Leben etwas neues zu lernen oder mit etwas neuem zu beginnen. Die Herausforderung ist eine ganz andere, das Risiko scheint höher und der Kopf stellt sich einem gerne in den Weg.
Wer es wagt und trotzdem dazu entscheidet, wird es jedoch nicht bereuen. Egal, worum es geht. Das habe ich beim Surfen gelernt, aber auch schon in anderen Lebenssituationen 🙂 Wer es nicht wagt, der wird niemals wissen, ob es funktioniert oder nicht. In meiner Ausbildung sagte mein Chef damals „ein Nein hat man, ein Ja kann man bekommen“ und genau nach diesem Motto versuche ich Entscheidung zu treffen und es immer erst einmal zu versuchen, bevor ich mich gegen etwas entscheide.
Man muss nicht gut in etwas sein, um Spaß zu haben
Man könnte meinen, dass ich nach zwei Jahren Surfen eigentlich echt gut sein müsste. Lasst mich euch sagen, davon bin ich weit entfernt. Klar, ich bin kein absoluter Beginner mehr, aber auf jeden Sache, die ich kann, kommt eine Sache, die ich noch nicht kann.
Das Surfen hat mich Geduld, den Umgang mit Rückschlägen und positiveren Selftalk gelehrt. Mein Fokus liegt inzwischen nicht mehr zu 100% darauf Fortschritte zu machen und besser zu werden, sondern vor allem darauf Spaß zu haben. Und wisst ihr was? Genau den habe ich im Wasser! Ich konzentriere mich auf die kleinen Dinge. Auf die Möglichkeit überhaupt auf Bali mit meinem Board im Wasser sein zu können. Darauf, dass ab und an neben mir mal eine Schildkröte auftaucht. Darauf, dass ich auch an großen und schwierigen Surftagen zumindest eine Welle bekomme.
Ich habe gelernt, dass ich nicht gut sein muss in etwas, um Spaß daran zu haben. Am Ende des Tages
entscheidet man selbst, ob man Spaß hat oder nicht – mit dem entsprechenden Mindset.
Negativ mit sich selbst zu reden, bringt einen nicht weiter
Ich bin jemand, der immer sehr große Ansprüche an sich selber hat. Ich erwarte sehr viel von mir selbst und mache mir meist selbst den größten Druck. So auch beim Surfen. Ich wollte von Anfang an gut sein, konnte nicht damit umgehen, dass es beim Surfen einfach auch etwas länger dauern kann (und immer noch dauert) bis es „klickt“ macht. Ich habe mich geärgert, wenn ich Angst hatte. Ich habe mich geärgert, wenn ich ein und denselben Fehler immer und immer wieder gemacht habe. Die Folge davon war, dass ich negativ mit mir selbst gesprochen habe. Teilweise endete das sogar in Panikattacken.
Was ich ganz schnell lernen musste: negativ mit sich selbst zu sprechen bringt rein gar nichts. Eher im Gegenteil: es zieht einen weiter runter und sorgt für Rückschritte anstelle von Fortschritt.
Ich selbst habe das schnell gemerkt, aber auch Feedback von meinem Surflehrer und meinem direkten Umfeld dazu bekommen. Zwar kann ich bis heute nicht zu 100% abschalten auch mal negativ mit mir zu sprechen, jedoch erkenne ich dies recht schnell und wechsle direkt in positiveren, aufbauenden und motivierenden Selftalk.
Ich habe direkt gemerkt, wie viel das bringt! Spreche ich positiv mit mir selbst und versuche mich zu motivieren, schaffe ich viel mehr, komme weiter und mache Fortschritte. Natürlich ist dies nicht das einzige, was wichtig ist, aber es hilft. Und im Gegensatz zu Negativität, zieht es micht nicht weiter runter.
Auch dies ist etwas, was in so vielen Lebenssituationen wichtig ist!


Mit Rückschlägen umzugehen
Die Lernkurve beim Surfen ist leider alles andere als linear. Man macht Fortschritte, wird besser und hat das Gefühl „jetzt habe ich es verstanden“. Und dann kommt aus dem Nichts eine Surf Session, die einen zurück auf den Boden holt. Surfen lernen ist ein stetiges auf und ab. Rückschläge und Rückschritte gehören dazu.
Es ist schwer immer damit umzugehen. Vor allem, weil sie oft vollkommen unerwartet kommen, wenn man eigentlich gerade einen guten Lauf hatte. Bei mir hat das zu Beginn dafür gesorgt, dass ich viel an mir selbst gezweifelt habe. Zum Glück bin ich jedoch ein sehr sturer Mensch und gebe nur sehr selten auf. Wenn ich etwas will, dann ziehe ich das auch durch. Und genau diese Einstellung hat mich schon durch so einiges gebracht inklusive Rückschlägen.
Dadurch habe ich gelernt, dass es nach jedem Rückschlag auch wieder nach vorne geht. Und wenn man Geduld mitbringt und dran bleibt, dann kommt man nicht nur zurück auf den vorherigen Stand, sondern macht weitere Fortschritte. Es ist also quasi zwei Schritte nach vorn, einen Schritt zurück gefolgt von weiteren zwei Schritten nach vorn.
Ich habe gelernt Rückschläge zu akzeptieren und mich davon nicht entmutigen zu lassen. Ich lasse die negativen Gefühle zu, lasse sie raus, verliere mich aber nicht in ihnen. Ich akzeptiere sie und schaue wieder nach vorne und mache weiter.

